Wenn die Angst der Liebe im Weg steht – Wie Verlust- & Bindungsängste unsere Beziehungen beeinflussen

Matilda Friebel, Q12

Egal ob Höhenangst, Klaustrophobie oder eklige Insekten: Wir alle haben vor irgendetwas Angst. Auch wenn uns diese Ängste gar nicht bewusst sind, so sind sie dennoch tief in unserem Unterbewusstsein verankert. Sobald sie getriggert werden, reagiert unser Körper mit erlernten Schutzmechanismen, wie der Flucht. Doch was ist, wenn die Angst uns davon abhält, Dinge zu tun, die wir nie bereuen würden? Wenn sie uns in ganzen Lebensbereichen einschränkt und dadurch unserem eigenen Glück im Wege steht. Was ist, wenn man Angst vor der Liebe hat?

Es gibt Menschen, die regelrechte Angst vor festen Bindungen haben. Vor allem die Angst vor dem Verlust der persönlichen Freiheit und Identität spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wir leben in einer Gesellschaft, die dazu auffordert, die Individualität und Unabhängigkeit des Einzelnen zu fördern. Bevor man eine Beziehung eingeht, sollte man dementsprechend sein eigenes Leben „in den Griff bekommen“ und alte Traumata und Ängste der Kindheit selbstständig überwunden haben. Vielleicht sorgen gerade diese Erwartungen dafür, dass sich immer weniger Menschen auf tiefe emotionale Bindungen einlassen. Doch inwiefern beeinflusst Bindungsangst unsere Beziehungen und sozialen Bindungen?

Sind die Eltern schuld?

Die Psychologin Stefanie Stahl beschreibt Bindungsangst als „die Angst eines Menschen, sich auf eine tiefe und exklusive Liebesbeziehung einzulassen“. Die Angst ist den Betroffenen meist gar nicht bewusst. Sie ist tief in ihrem Unterbewusstsein verankert und beeinflusst nur unbewusst ihr Handeln und Denken. In vielen Fällen liegen die Ursprünge der Angst weit zurück in der frühen Kindheit des Betroffenen. Der Säugling ist vom ersten Tag an existenziell abhängig von seiner Bezugsperson. Würden die Eltern seine Bedürfnisse wie Versorgung oder Fürsorge nicht stillen, wäre das lebensgefährlich für ihn. Dabei ist es egal, wer dies übernimmt, es zählt nur, dass sich jemand angemessen um das Kind kümmert. Das ist besonders in den ersten Lebensjahren essenziell für die Entwicklung eines gesunden Bindungsverhaltens seitens des Kindes. Werden die Bedürfnisse nicht gestillt, entwickelt das Kind kein Vertrauen in die Bindung zu seiner Bezugsperson und beginnt sich unterbewusst vor der Abhängigkeit zu fürchten.

Dieser Glaubenssatz, dass sie das Abhängigsein von einem anderen Menschen als Gefahr sehen, begleitet sie oft ein Leben lang. Eben dies führt dazu, dass man sich in Beziehungen eingeengt fühlt und beginnt sich zu distanzieren. Allerdings ist wichtig zu betonen, dass es nicht immer der Mangel an Fürsorge ist, den man verantwortlich machen kann. Es gibt viele individuelle Faktoren und Ursachen, die das Bindungsverhalten eines Menschen beeinflussen. Darunter unter anderem auch eine Überfürsorge der Eltern oder traumatische Ereignisse in späteren Jahren. Auch können negative Erfahrungen in oder mit Beziehungen eine entscheidende Rolle spielen. Unter wiederholten Zurückweisungen kann das Selbstwertgefühl auch noch im Erwachsenenalter stark beeinträchtigt werden.

„Ich habe keine Gefühle mehr“

Je stärker ausgeprägt die Bindungsangst ist, desto leichter wird sie getriggert. Bei den Auslösern kann es sich um Kleinigkeiten handeln. So kann es sein, dass Menschen mit einer sehr starken Angst nicht einmal dazu in der Lage sind, überhaupt Bindungen einzugehen. Es ist aber durchaus auch möglich, dass die Angst erst später ausgelöst wird. So gibt es Fälle, in denen erst Themen, wie das gemeinsame Wohnen, die Hochzeit oder Familienplanung, die Angst zum Vorschein bringen. Die Auslöser sind individuell und sowohl für den Partner als auch den Betroffenen nicht immer klar erkennbar. Doch eine Sache ist immer gleich: Die Bindungsangst tritt dann auf, wenn es dem Betroffenen zu viel wird und er sich in seiner eigenen Freiheit zu sehr eingeschränkt fühlt.

Die Symptome der Angst können sich je nach Auslöser und Situation unterscheiden. So kann es sein, dass der Bindungsängstler sich für eine Woche distanziert oder gleich den gesamten Kontakt beendet. In allen Fällen hat er das Gefühl, dass irgendetwas an der Beziehung nicht passt. Er sucht meist überkritisch nach Fehlern bei seinem Gegenüber und stört sich plötzlich an vorher nie gesehenen Makeln. Es ist, als würde der Betroffene krampfhaft nach Gründen suchen, um seine Angst und die damit einhergehende Distanz zu rechtfertigen. Der Bindungsängstler zieht sich emotional zurück und strebt meist auch nach räumlicher Distanz. Oft fühlt sich für diesen dann auch körperliche Nähe und Intimität unerträglich an und treibt ihn nur noch weiter weg von seinem Gegenüber. In vielen Fällen ist das Auslösen der Angst auch gleichzusetzen mit dem Ende der Beziehung. Da die Gefühle der Bindungsängstler von der Angst unterdrückt werden, verwandeln sie sich innerhalb kürzester Zeit von einem verliebten oder sogar liebenden hin zu einem kalten und abweisenden Menschen, der keinerlei Empfindungen für seinen Partner hegt. Was die wenigsten von ihnen aber wissen, ist, dass es sich auch bei der Bindungsangst nur um eine Phase handelt. Wenn man diese Zeit der Angst und des „Nichts-Fühlens“ abwartet und im besten Fall mit dem Partner über seine freiheitsliebenden Bedürfnisse spricht, löst sich diese auf und es bietet sich die Möglichkeit, ein viel innigeres Verhältnis zu erschaffen. Einem wird auffallen, dass die Gefühle für den Partner nie weg waren, sondern lediglich vergraben unter der tiefsitzenden und laut schreienden Angst. Die Angst, am Ende verlassen oder verletzt zu werden.

Geteiltes Leid ist halbes Leid?

Stefanie Stahl bezeichnet die Partner von Bindungsphobikern als „ohnmächtige Copiloten“. Denn gerade dann, wenn der Partner sich in sie verliebt und sich etwas Langfristiges verhofft, beginnen sich diese zu distanzieren. Die Angst wird zur Realität und das spüren auch die Partner der Betroffenen. Laut Stefanie Stahl sind „[die] Partner von Bindungsängstlichen […] in der Regel chronisch verunsichert. Sie leiden unter einem emotionalen Kontrollverlust und fühlen sich hilflos, weil sie kaum einen Einfluss auf die Distanzmanöver des Bindungsängstlichen nehmen können.“  Und das obwohl die Beziehung zu einem bindungsängstlichen Menschen beginnt wie jede andere auch. Man lernt sich oft sehr stürmisch und plötzlich kennen. Dabei können sich beide Parteien auch unglaublich gut miteinander verstehen und Gefühle füreinander entwickeln. In den ersten Wochen oder Monaten ist es eher unüblich, dass sich die Angst überhaupt zeigt. Das passiert schließlich erst, wenn sich der Bindungsängstliche zu sehr eingeengt fühlt. Für den Partner kommt die plötzliche Distanz und das veränderte Verhalten überraschend und unerwartet. Sie wollen Gründe dafür finden und suchen die Schuld oft bei sich selbst. Es ist durchaus auch möglich, dass die Partner selbst keinen sicheren Bindungstyp haben. Die Angst vor dem Verlust geliebter Menschen kann sogar dazu führen, dass sie sich an ihren Herzensmenschen klammern und diesen dadurch nur noch schneller in die Flucht schlagen. Als Partner kann man lediglich Zeit und Raum für die Bedürfnisse der Betroffenen schaffen. Man sollte möglichst wenig Druck ausüben und sich nicht zu sehr auf das Thema des Partners, also die Bindungsangst, versteifen. Hierbei ist es auch eher kontraproduktiv, den Partner damit zu konfrontieren und zu sagen: „Du hast Bindungsangst!“ Das würde ihn in den meisten Fällen eher noch weiter wegstoßen.

Besser wäre es, sich auf die eigenen Themen, wie zum Beispiel die Verlustangst und die Aufarbeitung dieser, zu fokussieren. Man kann einen Bindungsängstler nicht dazu zwingen, an seiner Angst zu arbeiten. Man kann sich lediglich dafür entscheiden, ob es einem dieser Mensch wert ist oder nicht. Denn fest steht, dass die Bindungsangst ein zu behebendes Problem ist, an dem beide Partner gemeinsam wachsen können, wenn sie es wollen.

Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung!

Der erste und wichtigste Schritt ist die Selbsterkenntnis. Nur wenn man sich selbst die eigene Angst eingesteht, kann man auch daran arbeiten. Im Endeffekt muss man nur dazu bereit sein, seine Glaubenssätze und Ängste aufzulösen, um infolgedessen eine glückliche Beziehung führen zu können. Nach der Erkenntnis muss dementsprechend die Aktion folgen. Lediglich die aktive Arbeit an und mit der Angst kann zu Fortschritten führen. Passive Handlungen wie Selbstmitleid und Verzweiflung führen bekanntlich keinen zum Ziel. So kann ein Gespräch mit dem Partner für Aufklärung sorgen und die Möglichkeit bieten, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, mit der beide glücklich werden. Aber auch ein genauerer Blick auf die psychologischen Facetten der eigenen Angst kann Licht auf ihre Ursprünge werfen und Wege aufzeigen, wie man trotzdem eine erfüllende Beziehung eingehen kann. Hilfestellungen für Betroffene und deren Partner bietet unter anderem auch Stefanie Stahl mit ihrem Buch „Jein! – Bindungsängste erkennen und bewältigen“. Dort erklärt sie nicht nur die unterschiedlichen Ursachen und Auslöser der Angst, sie zeigt auch Mittel und Wege, um diese aus dem eigenen Leben oder dem des Partners zu verbannen. Generell bietet das Lesen von Büchern und Artikeln die optimale Möglichkeit, um sich weiterzubilden und seine eigenen Glaubenssätze zu verstehen und zu verändern.

Je länger einen die Bindungsangst schon durchs Leben begleitet, desto schwieriger wird es diese aufzulösen. Trotzdem ist es keinesfalls unmöglich, sondern nur eine Frage des eigenen Willens. Sollte dies einem dennoch besonders schwerfallen, wäre optional auch eine professionelle Einzel- oder Paartherapie möglich. Wichtig ist nur, dass man seine Erkenntnisse nutzt und in Momenten der Angst realisiert, dass es nicht immer der Partner ist, der einen einengt und verletzt, sondern dass man sich meist selbst im Weg steht. Natürlich ist es jedem selbst überlassen, ob und wie intensiv man an seiner Bindungsangst arbeiten möchte. Es ist aber wichtig, darüber aufzuklären und mögliche Lösungsansätze zu nennen, da bindungsängstliche Menschen zwar Angst vor der Liebe zu haben scheinen, sie sich aber dennoch meist nichts sehnlicher wünschen, als aufrichtig von einem Partner geliebt zu werden. Mit der Bindungsangst geht allerdings auch ein geringes Selbstwertgefühl einher. Tief im Unterbewusstsein ist folgender Glaubenssatz verankert: „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden!“ Jegliche Glaubenssätze dieser Art gilt es aufzulösen. Es ist wichtig, dass wir die in Kindheitstagen erworbenen negativen Glaubenssätze auflösen und durch neue, positive ersetzen. Die Liebe zu uns selbst beeinflusst im tiefsten Sinne auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Deshalb sollten wir nie aufhören, an ihr zu arbeiten. Eine Hilfe beim Entdecken der eigenen Glaubenssätze bietet Stefanie Stahl in ihrem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“.

Die Bindungsangst steht vielen sich liebenden Menschen im Weg und verhindert dadurch ihr gemeinsames Glück. Letztendlich ist sie aber auch nichts anderes als alle anderen Ängste. Es gilt: Wer seine Ängste überwinden möchte, muss sich ihnen früher oder später stellen. Vielleicht ist man erst dann bereit für das ganz große Glück: die Liebe.

„Zu lieben ist Segen, geliebt zu werden ist Glück“ – Leo Tolstoi

Alle Bilder: pixabay.de

Autorin: Matilda Friebel, Q12