Dr. Anton Hofreiter im Bürgerhaus Schwabach

Am Freitag, dem 14. Juli 2017, kam Dr. Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, zu einer Lesung aus seinem neuen Buch „Fleischfabrik Deutschland“ mit anschließender Diskussion in das Bürgerhaus Schwabach. Wir waren für euch dabei und konnten im Anschluss sogar noch ein Interview mit ihm führen.

Titelbild: Foto: Robin Burghardt


Steckbrief: Dr. Anton „Toni“ Hofreiter
*02.02.70 in München
studierter und promovierter Biologe
Mitglied des Deutschen Bundestages seit 2005
Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion „Bündnis 90/ Die Grünen“


 

Kurz nach 16 Uhr traf Dr. Anton Hofreiter im Foyer des Bürgerhauses Schwabach ein. Der Schatzmeister der bayerischen Grünen und Direktkandidat für den Wahlkreis Nürnberg-Süd Sascha Müller begrüßte die ca. 50 Anwesenden und gab nach einer kurzen Ansprache an Herrn Dr. Hofreiter ab.

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Sascha Müller; Foto: Robin Burghardt

 

Dieser begann zunächst mit einem allgemeinen Vortrag über die Grundgedanken des Buches „Fleischfabrik Deutschland“:


Alle im Weiteren genannten Informationen sind von Herrn Hofreiter dargestellt und nicht redaktionell vom Sidekick überprüft worden.


Da er bald Opa wird, hat er sich Gedanken gemacht, in was für eine Welt er seinen Enkel entlassen würde. Er will in seinem Buch beschreiben, was schief läuft in der „Fleischfabrik Deutschland“, und deutlich machen, dass wir in Zukunft keine 9 bis 10 Mrd. Einwohner mit so einem hohen Fleischkonsum ernähren können.

Drei eigene Bezüge hat er zu diesem Thema. Zum einen ist er auf dem Land aufgewachsen, hatte also von Anfang an Kontakt zu dem Thema Landwirtschaft und hat sich mit einem benachbarten Milchbauern häufig über die richtige, tiergerechte Haltung unterhalten.

Sein zweiter Bezug ist seine Tätigkeit als Artenforscher, die er in Südamerika bis zu seinem Wechsel in die Politik betrieb. Der dortige Anbau von Soja und Mais für den Export als Tierfutter nach Europa und die damit verbundene Errichtung von kilometerweiten Monokulturen sind dabei eine wesentliche Gefahr für viele Arten. Das Artensterben ist die zweite große Krise neben und im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung, so Hofreiter, wobei das Problem nicht nur bei seltenen Schmetterlingen, Kröten oder vielleicht Pandabären liegt. Ganze Ökosysteme werden dadurch bedroht. Diese vergleicht er mit einem Netz. „Mit jeder Art, die wir ausrotten, schneiden wir einen Knoten heraus.“ Dieses Netz, das uns hält, ist zwar dicht gewebt, doch nicht unzerstörbar. Das Verhältnis von aussterbenden zu neu entstehenden Arten beträgt in einem stabilen Ökosystem 1:1; durch die verschiedenen Einflüsse des Menschen ist dieses auf der Welt jedoch in ein extremes Ungleichgewicht von 1:10000 bis 1:100000 geraten. Die genaue Zahl ist aufgrund vieler unerforschter Bereiche nicht genau bekannt. Zwar hat es erdgeschichtlich schon viele solcher Aussterbewellen gegeben, beispielsweise durch Meteoriteneinschläge. Das Problem ist jedoch, dass solch eine adaptive Radiation, also die Aufspaltung und Neuentstehung von Arten, erst in vielleicht 10 Millionen abgeschlossen sein würde, und somit für den Menschen keine Gelegenheit bietet, darauf zu warten, weil er bei einem Kollaps der Ökosysteme auch betroffen wäre und nicht weiterleben könnte.

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MdB Dr. Anton Hofreiter: „Es kommt auf nachhaltige Herstellung und auf die Menge an.“; Foto: Robin Burghardt

Als dritten Punkt führt er die unfassbaren Dimensionen des Mais- und Sojaanbaus in Südamerika auf. Auf einer Fläche von Mecklenburg-Vorpommern wird in Südamerika Futter für 800 Mio. Tiere angebaut, berichtet er. Doch auf die dort lebenden Menschen wird keine Rücksicht genommen. Auf diese Methoden will er aufmerksam machen.

Die Methoden der Großkonzerne in Südamerika

Durch Großkonzerne werden die Flächen von korrupten Regierungsbeamten gekauft und die Bauern und teils seit Jahrtausenden dort lebenden indigenen Ureinwohner auf grausamste Weise vertrieben. Um die Flächen zum Anbau von Soja und Mais verwenden zu können, müssen die Bewohner der Gebiete ihre Heimat verlassen. Diese haben aber keine Möglichkeit, sich irgendwoanders eine Existenz aufzubauen. Um die Menschen dann aber einzuschüchtern, kommt ein sogenanntes Todesschwadron zum Einsatz. Das ist eine schwer bewaffnete Einheit, die beispielsweise die Kleinbürgermeister oder Gewerkschaftsführer der Bauern ermordet. Die Soja- und Maisfelder um die Dörfer – und auch die Dörfer selbst – werden anschließend mit Totalherbiziden von Spritzflugzeugen aus behandelt. Diese Spritzmittel vernichten zum einen alle „schädlichen“ Pflanzen, außer die extra dafür gentechnische veränderten Soja- und Maispflanzen. Zum anderen sorgen sie aber auch dafür, dass die Pflanzen der Bauern vernichtet, ihnen die Lebensgrundlage genommen, und sie so zur endgültigen Flucht gezwungen werden. Anschließend werden die Dörfer niedergebrannt, um noch mehr Fläche für den Anbau der Futterpflanzen zu erhalten.

Er sieht die Verantwortung natürlich einerseits bei den Ländern, wie Argentinien oder Brasilien. Andererseits hat aber auch Europa Einfluss auf die Bedingungen, unter denen die Pflanzen angebaut werden, sowohl im Umgang mit den Menschen als auch im Bezug auf den Naturschutz. „Die [Vertreter der katholischen Kirche, die dort als ein paar der Wenigen für die Menschen und gegen die Großkonzerne ihre Stimme erheben,] bitten uns, dringend keinen gentechnisch veränderten Mais und Soja [aus Südamerika] nach Europa zu importieren.“

Anschließend las Herr Dr. Hofreiter drei Stellen aus seinem Buch vor.

Zunächst beschreibt er die grausamen Umstände, in denen die Schweine leben und unter denen sie leiden müssen, obwohl sie wie vorgeschrieben gehalten werden. Er kritisiert daher, dass es kein Kennzeichnungssystem wie bei Schaleneiern (also 3 = Käfig-, 2 = Boden-, 1 = Freiland- und 0 = Biohaltung) gibt, wodurch man sehr einfach herausfinden kann, aus welcher Haltung das Schwein stammt, weil man ohne tiefgreifende Recherche die Bedingungen nicht herausfinden könne.

Doch wer trägt die Schuld? Landwirte oder Verbraucher?

Herr Dr. Hofreiter findet, dass es sich die Bauer zu einfach machen, wenn sie sagen, dass die Verbraucher schuld sind. Wegen des fehlenden Kennzeichnungssystems hätte man schlicht keinen Einfluss und keine Wahl. Doch ich finde, dass er es sich hingegen zu einfach macht. Denn man hat durchaus die Wahl, ob man Fleisch aus der Kühltheke beim Discounter oder – unter Aufwendung eines evtl. etwas höheren Preises – frisch beim heimischen Metzger kauft. Sicherlich ist dies aber auch den anstehenden Wahlen geschuldet, denn der Verbraucher und Wähler wird selbstverständlich lieber frei gesprochen und nur aufgefordert die Grünen zu wählen, anstatt dass er gesagt bekommt, er müsse selbst die Initiative beim Kauf ergreifen.

Müssen wir weniger Fleisch essen?

Aber auch der Konsument muss sich auf Änderungen einstellen. Langfristig hält Dr. Hofreiter eine Senkung des Fleischkonsums für unerlässlich, denn die die Kalorien müssten bei bald 9 Mrd. Menschen besser verteilen. Momentan landen 60 Prozent des in der EU angebauten Getreides im Futtertrog. „Es kommt auf nachhaltige Herstellung und auf die Menge [des Fleisches] an.“

Nachdem er fertig gelesen hat, eröffnet er die Diskussion. Sascha Müller ruft die Leute auf, und Herr Dr. Hofreiter beantwortet die Fragen anschließend (größtenteils).

 

„Öffentliches Geld für öffentliche Leistung“

Er spricht die Subventionen in Höhe von 150 Mrd. Euro jährlich, davon 6 Mrd. in Deutschland, an, mit der die Agrarindustrie bezuschusst wird. „Wir können das Geld anders verteilen.“ Dr. Hofreiter fordert, dass die Mittel nicht wie bisher besonders in Großbetriebe, in denen eher schlechte Arbeits- wie auch Tierbedingungen herrschen, fließen, sondern es das Motto „öffentliches Geld für öffentliche Leistung“ gelten müsse, also dass diejenigen Betriebe profitieren, die sich beispielsweise für den Tierschutz einsetzen. Doch vor allem Deutschland hat dahingehende Vorstöße der EU-Kommission bislang auf Druck der Lobby erfolgreich verhindert. Auch hier verweist Herr Dr. Hofreiter geschickt auf die Bundestagswahl, da man es in der nächsten Legislaturperiode ja besser machen könne.

Aber auch beim Sojaimport besteht seiner Meinung nach Handlungsbedarf. Mit einem Zertifizierungssystem müssten legale von illegalen bzw. aus mit menschenverachtenden Herstellugspraktiken arbeitender Produktion stammenden Sojaexporten aus den südamerikanischen Ländern unterschieden werden. Auch wenn die anderen Bestände dann vermutlich von den USA und Mexiko importiert würde, sollten Deutschland und die EU mit einem guten Beispiel vorangehen. „Sonst könnte man sagen: ‚Weil es Diebe gibt, fange ich jetzt das Klauen an.‘“ Es dürfe nicht weiter gelten, dass die Produktqualität über der Prozessqualität, also die Qualität und der (günstige) Preis der Produkte wichtiger als die Situationen bei der Herstellung, darunter die Schäden an Menschen, Arbeitern und Umwelt sind, und der Freihandel beispielsweise bei den Regeln der Welthandelsorganisation über den Menschenrechte stehen. Deshalb sehen die Grünen auch CETA und TTIP so kritisch.

Wieso hat er sein Buch geschrieben?

Sein Buch ist in einem Gesamtprozess entstanden. Je mehr er sich mit dem Thema beschäftigt hat, desto wichtiger wurde es ihm, bis dann der Verlag auf ihn zukam. „Wenn ich ehrlich sein soll, weiß ich das nicht mehr einhundertprozentig.“

Wir produzieren viel zu viel Fleisch

Anschließend stellt er auch einen Zusammenhang zwischen der „Fleischfabrik Deutschland“ und der Armut in Afrika her. Weil deutlich mehr Fleisch produziert wird, als vom deutschen Markt benötigt, wird dieses in südafrikanische Länder exportiert, wo die dortigen Kleinbauern nicht gegen die extrem niedrigen Preise, weil die Konzerne hier sonst gar nichts mehr dafür bekämen, ankommen können, deren Existenz zerstört wird und sie so zur Flucht gezwungen werden. Er spricht auch die Probleme an, wie die Konzerne bei den osteuropäischen Arbeitern den Mindestlohn oft umgehen, indem sie beispielsweise ein sogenanntes Messergeld erheben, d. h. die Arbeiter müssen ihr Werkzeug von ihrem Gehalt mieten.

Auf eine Frage hin lehnt er eine Erhöhung der Mehrwertsteuer bei Fleischprodukten von sieben auf neunzehn Prozent und eine Entlastung von beispielsweise Elektroprodukten im Gegenzug ab. Jedoch spricht er sich strikt dagegen aus, dass auf sogenannte „Veggie-Produkte“ teilweise der normale Satz von neunzehn Prozent erhoben wird.

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Im Anschluss an die Lesung erhält Herr Dr. Hofreiter ein kleines Geschenk als Dankeschön für sein Kommen von dem Veranstalter. Foto: Robin Burghardt

 

Des Weiteren fordert Dr. Hofreiter eine Begrenzung der Größe von Schlachtbetrieben, weil es einen großen Unterschied in der Hygiene zwischen einem Kleinbetrieb und einem gigantischen Schlachthof mit mehreren tausend geschlachteten Tieren täglich gebe.

Um Tierquälerei vorzubeugen, sollen nach seinen Vorstellungen die Dauer der Tiertransporte begrenzt werden, er deutet vage zwei bis drei Stunden an.


Insgesamt war es ein sehr interessanter Vortrag, der auch eindringliche Bilder gezeichnet hat, wobei er bereits stark vom Wahlkampf geprägt war.

Sebastian E. Bauer, 8 A

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