Dirk Driesang (AfD) im Sidekick-Interview (Teil 1)

Am Montag, dem 11. September 2017, stellte sich der AfD-Direktkandidat für den Bundestagswahlkreis Nürnberg-Süd/Schwabach Dirk Driesang den Fragen der drei Sidekick-Redakteure Frank Reimann, Veit Küfner und Patrick Domke. In dem fast zweieinhalb Stunden dauernden Gespräch wurden nahezu alle für die am 24. September anstehende Bundestagswahl relevanten Themenkomplexe behandelt: Angefangen bei Außenpolitik, waren unter anderem auch sozial- und sicherheitspolitische Aspekte sowie vieles mehr Teil des Interviews. In den kommenden Tagen werden wir Gesprächsteile chronologisch geordnet veröffentlichen. Den Anfang macht heute die Gebiete Persönliches, Partei-, Außen- und Flüchtlingspolitik.

Herr Driesang, Sie kommen ja eigentlich aus Fürstenfeldbruck. Wie kommt es, dass Sie hier im Wahlkreis Nürnberg-Süd/Schwabach Direktkandidat sind?

Das hat mehrere Gründe. Ein Grund ist der, dass der Kreisverband Nürnberg, ein sehr großer Kreisverband, erst vor kurzem in Nürnberg-Nord und Nürnberg-Süd aufgeteilt worden ist, was schon allein wegen der Größenordnung sinnvoll ist. Nürnberg-Süd ist aber noch relativ neu und noch relativ unerfahren, die haben einfach Unterstützung gebraucht. Nachdem ich schon zwei Wahlkämpfe gemacht habe, war das der eine Grund. Der andere Grund ist ganz einfach der, dass der jetzige Vorsitzende des hiesigen Kreisverbandes meine Bewerbungsrede gehört hat, als ich auf die Liste wollte. Ich habe also für Listenplatz 5 kandidiert und dann nochmal für [Listenplatz] 8 und habe das in beiden Fällen nicht geschafft. Ich habe eine sehr, sehr politische Rede gehalten, ich habe gesagt, damit die AfD Erfolg haben kann, muss sie sich nach rechts außen deutlich abgrenzen. Das ist dort zum Teil auf große Gegenliebe, zum Teil aber auch auf großen Protest gestoßen, es war eine sehr interessante Reaktion. Das war insofern Politik, wie’s lebt, und ich habe auch kein schlechtes Ergebnis gezielt, aber habe es halt nicht geschafft. Der Kreisvorsitzende hier sprach mich dann kurz darauf an und hat gesagt, Dirk, was du da gesagt hast, hat mir wirklich aus dem Herzen gesprochen und ich hätte dich gerne hier als Direktkandidaten. Und dann habe ich mich den Mitgliedern vorgestellt und die haben mich gewählt. Also, es ist durchaus beides: Zum einen die Unterstützung aufgrund meiner politischen Erfahrung, zum anderen aufgrund meiner Positionen.

Sie zählen selbst eher zum bürgerlichen Flügel der AfD, zum nicht gerade radikalen Flügel, und sagen, dass sich die Partei gegen den rechts-äußeren Flügel abgrenzen muss. Finden Sie deshalb, dass zum Beispiel ein Herr Höcke aus der Partei ausgeschlossen werden sollte?

Ich bin ja im Bundesvorstand der AfD. Der Bundesvorstand hat ein Parteiauschlussverfahren gegen Herrn Höcke auf den Weg gebracht, dafür braucht man eine Zwei-Drittel-Mehrheit laut unserer Satzung. Da war ich einer derjenigen, die mit „Ja“ gestimmt haben, ich möchte also gerne, dass Herr Höcke aus der Partei ausgeschlossen wird. Ein Grund dafür waren die Äußerungen, die er in seiner Rede am 16. Januar in Dresden getätigt hat, und auch wichtig ist uns diese „Landolf Ladig“-Kiste. Wir sind davon überzeugt, dass Höcke und Ladig teilweise die gleiche Person ist. Das sind die beiden Hauptpunkte. Ich würde Ihnen das normalerweise jetzt nicht erzählen, aber irgendeiner hat unsere 60-seitige Anklageschrift schon an die Presse durchgesteckt, insofern ist das jetzt kein großes Geheimnis mehr, normalerweise wahre ich bei solchen Sachen aber die Vertraulichkeit.

Also ist der Bundesvorstand geschlossen davon überzeugt, dass Ladig und Höcke in diversen Bereichen dieselbe Person ist?

Die Abstimmung war damals nicht einstimmig. Geschlossen ist insofern das falsche Wort. Aber wir haben das mit Zwei-Drittel-Mehrheit verabschiedet.

Wir waren ja jetzt schon bei diesem Ausschlussverfahren und bei dieser [Höckes] Rede, was Sie auch auf Facebook oder bei der Listenaufstellungsrede kundgetan haben, aber grenzen Sie sich auch von Herrn Gauland in der Form ab? Der hatte kürzlich diese Aussage mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung getätigt. Grenzen Sie sich also auch von diesen eher dem rechten Spektrum der AfD zuzuordnenden Personen ab?

Herr Gauland ist ja einer unserer beiden Spitzenkandidaten und wir stehen zwei Wochen vor dem Wahltermin. Wenn ich also Kritik an Herrn Gauland äußere, dann kann ich das nur moderat tun, ich würde ja im Augenblick nicht meinen eigenen Spitzenkandidaten abschießen wollen. Nichtsdestotrotz habe ich das aber bereits schon getan, auch öffentlich. Ich habe darum gebeten, dass wir auch im Wahlkampf keine Entmenschlichung betreiben. Es wäre mir sehr wichtig, dass man auch in einem harten Wahlkampf zwar harte Auseinandersetzungen führt, aber bitte mit Argumenten. Ich habe mich darüber gefreut, dass es Herr Gauland am Tag nach seiner Rede bedauerte, den Ausdruck „entsorgen“ verwendet zu haben. Ansonsten fand ich diese Äußerung insgesamt schon kritikwürdig, ja.

Warum sind Sie in der AfD und nicht in der CSU, die ja auch als konservativ gilt?

Ich bin sehr früh, Anfang März 2013, Mitglied geworden, und mein damaliges Movens war die sogenannte Euro-Rettungspolitik. Damals gab es Diskussionen um den entstehenden ESM-Vertrag, um die Permanentrettung Griechenlands, und das war der Grund, warum ich damals in die AfD eingetreten bin, und ich bin überzeugt, wenn die FDP damals nicht zugestimmt hätte, dann hätte es die AfD wahrscheinlich niemals gegeben. Und weil Sie auch noch nach der CSU gefragt hatten, also, dass sie viel den Mund spitzt, um zu pfeifen, aber wenn es dann wirklich zum Schwur kommt, in der Realpolitik nicht viel bewegen kann. Die CSU redet auch hier in Bayern anders, als sie in Berlin im Bundestag redet und übrigens auch anders, als sie im EU-Parlament redet. Sie redet da, auf indianisch gesprochen, mit gespaltener Zunge. Abgesehen davon haben wir einige Punkte im Programm, die die CSU nicht hat. Zum Beispiel, wenn es um Geld geht: Ich glaube, dass unser aktuelles Geldsystem hinterfragt werden muss, die CSU nicht, die AfD schon.

Also die Praktiken der EZB?

Nein, ganz grundsätzlich. Wir haben ja sogenannte Papiergeldwährungen, man nennt es auch Fiatgeld, vom lateinischen „fiat“, es werde. Wenn zum Beispiel die EZB jetzt diese Geldmengenausweitung betreibt, wie sie es tut, Anleihekaufprogramm und so weiter, dann braucht sie ja nur auf einen Knopf am Computer zu drücken und es sind zwei oder sechzig Milliarden Euro mehr entstanden. Das unterscheidet sich eben fundamental von dem Geldansatz, der in irgendeiner Weise gedeckt sein muss, zum Beispiel durch Gold oder Silber, wie es in der Vergangenheit schon einmal war, oder durch andere Dinge.

Sie würden also zur von Richard Nixon aufgegebenen Politik der goldgedeckten Währung zurückkehren wollen?

Richtig. Wir leben tatsächlich in so einer Art sozialistischem Geldsystem, das schädigt unsere Gesellschaft nachhaltig. Die Gesellschaft braucht gutes, gerechtes Geld und wir haben krankes, ungerechtes Geld. Das ist also ein Ansatz, der relativ fundamental ist, und ich bin sehr froh, dass die AfD an dieser Stelle diese Geldkritik hat.

Kommen wir zur Außen- und Finanzpolitik. Nach der Bundestagswahl wird sich die AfD höchstwahrscheinlich in der Opposition befinden. Was würden AfD-Abgeordnete aus dieser Position konkret tun, um auf das Verhältnis Deutschlands und Europas mit Machthabern wie Trump, Erdogan oder Kim Yong-Un einzuwirken?

Sie haben jetzt Trump, Erdogan und Kim Yong-Un in einem Atemzug genannt, ich würde das schon unterscheiden. Man kann Herrn Trump auch kritisieren für manche seiner Äußerungen, ich würde ihn aber nicht auf eine Stufe mit Erdogan stellen, mit Kim Yong-Un schon gar nicht, das ist Punkt eins. Zweitens sind wir als Partei dafür, dass der Nationalstaat auch im 21. Jahrhundert weiterbestehen soll, weil dieser die beste Grundlage für eine Republik und eine Demokratie bietet. Drittens liegt uns die Demokratie am Herzen, deswegen sollte man entstehende Regime wie die Türkei unter Erdogan schon kritisieren, trotzdem muss man zwischen Kritik unter befreundeten oder auch nicht befreundeten Staaten von innerer Einmischung differenzieren.

Würden Sie im Falle der Türkei also lediglich auf verbalem Wege Kritik äußern oder würden Sie auch über Reduzierung oder Beendigung von Finanzhilfen oder der EU-Beitrittsverhandlungen nachdenken?

Ich denke, dass man bei Außenpolitik immer ein, zwei Gänge herunterschalten muss. Als AfD sagen wir bereits seit 2013, dass die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei eingestellt werden müssen. Wir kritisieren auch den sogenannten „Türkei-Deal“, mit der man die Sicherung der EU-Außengrenze der Türkei gegen viel Geld übertragen hat, das müssen wir schon selbst machen. Ich würde zustimmen, dass man gewisse Gelder einfrieren sollte und wir wären auch für einen Abzug der Bundeswehr aus Incirlik. Das sind zwar alles Zeichen, aber wenn es um wirtschaftliche Dinge geht, auch Druck, der da entsteht.

Jemand der neben Kim Yong-Un und Erdogan in einem Atemzug genannt wird, ist Wladimir Putin. Die AfD gilt ja alles in allem als eher russlandfreundliche Partei, was halten Sie denn von den Wirtschaftssanktionen gegen Russland?

Wir haben seit 2015 eine Resolution, in der wir fordern, die Sanktionen gegen Russland einzustellen. Ich zähle mich durchaus unter die sogenannten Russland-Versteher und glaube, dass Russland eine sehr komplexe Geschichte hat. Ich habe zu Hause ein Buch von Thomas Fasbender, der seit 25 Jahren in Russland lebt und ein sehr persönliches Buch über Russland geschrieben hat, es heißt „Freiheit statt Demokratie“. Er sagt, wenn ich in Russland hingehe und ziehe die demokratischen Standards durch, wie sie uns so vorschweben, dann würde ich in Russland sehr viel Schaden anrichten. Russland tickt eben anders. Des Weiteren ist es unbestritten so, dass bei den 2+4-Verhandlungen die Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze der NATO vereinbart worden ist, seitdem hat sich die NATO aber trotzdem weit nach Osten ausgebreitet. Das kann man aus Sicht Russlands durchaus als Aggression verstehen.

Denken Sie, dass jeder Außeneinsatz der Bundeswehr, beispielsweise in Syrien, Mali oder Afghanistan, völkerrechtlich einwandfrei legitimiert sein muss, etwa durch eine UN-Sicherheitsratsresolution?

Wir sollten schon versuchen, das internationale Recht zu fördern und zu pflegen. Ich halte den UN-Sicherheitsrat für eine gute Sache und dieses Maß an Völkerrecht, was dort etabliert ist, sollte man nicht zerstören.

Also im Umkehrschluss keine Militäreinsätze ohne völkerrechtlich einwandfreie Legitimierung mehr?

Ich würde schon sagen, keine Einsätze ohne Legitimierung. Konkret ist es ja beispielsweise in Syrien so, dass Russland von der Regierung eingeladen wurde, das ist damit auch völkerrechtlich gedeckt.

Russland schon, die anderen nicht…

Genau, die anderen nicht. Da wird auch teilweise ohne UN-Sicherheitsratsmandat gehandelt, man kommt hier also in Teufelsküche. Es sind zwar für mich auch Situationen denkbar, wo man ohne so einen Beschluss handeln muss, man sollte sich mit sowas nicht in Handschellen legen, aber in 99,9% der Fälle sollte man auf jeden Fall so Mandat haben, damit fährt die Welt insgesamt besser.

Deutschland macht große Gewinne durch Waffenlieferungen an andere Staaten, beispielsweise an Saudi-Arabien, um nach eigener Aussage auch den Nahen Osten zu stabilisieren. Trotzdem ist Saudi-Arabien auch ein Land, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden, in dem Homosexuelle hingerichtet werden. Finden Sie es richtig, solche Länder weiterhin zu beliefern?

Nein, finde ich nicht richtig. Saudi-Arabien gilt als Mitfinanzier der ISIS und interessant ist auch, dass Saudi-Arabien keinen einzigen Flüchtling aus Syrien aufgenommen hat, mit der Begründung, dass sie innere Unruhen fürchten. Ich würde an dieser Stelle Saudi-Arabien nicht finanzieren und nicht militärisch ausstatten, das halte ich für gefährlich. Wir kommen da ja auch in geostrategische Gewässer, denn Saudi-Arabien ist ein traditioneller Verbündeter der USA. Ich glaube, dass mit Trump jetzt ein Konzept möglich ist, er hat ja Qatar auch fallen lassen.

Trotzdem hat er vor kurzem einen rekordverdächtig großen Waffendeal mit Saudi-Arabien abgeschlossen. Das legt nahe, dass Trump wieder stärker auf diese traditionellen Verbündeten setzen möchte…

Was er da genau im Schilde führt, wissen wir alle nicht.

Finanzpolitik ist ja auch in gewissem Maße Außenpolitik. Sie hatten vorhin schon erwähnt, dass die Euro-Rettungspolitik das Gründungsmotiv der AfD war. Ein wichtiger Grund für die Eurokrise war ja, dass Deutschland durch die gemeinsame Währung und durch niedrige Lohnverhältnisse sehr wettbewerbsfähig war und dadurch die Exportzahlen in die EU stark angestiegen sind, was letztlich dazu geführt hat, dass sich Staaten wie Griechenland oder Spanien stark verschuldet haben. Die Zeit berichtete vor etwa zwei Jahren, dass lediglich 11% der von Europa und dem IWF ausgezahlten Tranchen tatsächlich in den griechischen Staatshaushalt geflossen sind. Hält die AfD das für fair?

Nein, natürlich nicht. Der Grundfehler des Euros ist, dass wir Volkswirtschaften unter einer Währung zusammengeführt haben, die wirklich sehr unterschiedlich leistungsfähig sind. Mit anderen Worten, der Euro ist für Deutschland zu billig und für Länder wie Griechenland viel zu teuer. Zudem wurden die Konvergenzkriterien nicht beachtet, das ging eine ganze Weile ganz gut, bis dann die Finanzkrise 2008/09 kam. Es ist bis heute so, dass wir einen Haufen Medikamente genommen haben, etwa fiebersenkende Mittel, aber man hat nicht die Ursache des Fiebers bekämpft, das haben wir immer noch. Beispielsweise hat man einen Schuldenschnitt in Griechenland durchgeführt. Man sieht das ganz schön, wenn man sich den Schuldenstand anschaut, der steigt erst kontinuierlich, sackt dann kurz ab und steigt dann aber genauso schnell wieder nach oben. Die Position der AfD ist deshalb, dass unter einer gemeinsamen Währung nur Wirtschaften zusammengeführt werden sollten, die mehr oder weniger gleich leistungsfähig sind. Das können zwei, drei Eurozonen sein, Hauptsache, es passt zueinander.

Was schlagen Sie dann vor? Soll Deutschland mit Ländern wie Frankreich oder Schweden eine eigene Währungsunion bilden?

Frankreich aufgrund seiner Verschuldung eher nicht. Wer mit Deutschland zusammengehen könnte, wäre zum Beispiel die Niederlande und Österreich. Das wäre dann tatsächlich auch eine Erlösung für die Südländer. Es gibt auch sehr viele Möglichkeiten, das umzusetzen. Vor der Einführung des Euros gab es in den Niederlanden den Gulden, in Österreich den Schilling und in Deutschland die Mark. Tatsächlich waren diese Währungen aneinander gebunden. Im Grunde war das also schon ein Währungsverbund, so könnte man sich das auch heute vorstellen. Es gibt daneben ausgearbeitete Modelle zur sogenannten Parallelwährung, wo man eine gemeinsame Währung beispielsweise für Verrechnungen hat, darunter allerdings die jeweiligen nationalen Währungen, welche man dann im Verhältnis auf- oder abwerten kann. Das hat man damals zur Einführung des Euros leider nicht gemacht. Und es muss noch gesagt werden, dass Experten vor der Einführung des Euros dessen Zukunft exakt so vorausgesagt haben.

Kommen wir zum nächsten Thema, der Flüchtlingspolitik. Wir wollen dieses Thema nur kurz besprechen, da es schon sehr ausführlich erörtert wurde. Eine Frage wäre aber, ob es, wie es die CSU fordert, eine Obergrenze für subsidiär Schutzberechtigte in Deutschland braucht.

Natürlich braucht es eine Obergrenze. Uns schwebt das Prinzip der „Minuszuwanderung“ vor, wir nennen da mit Absicht keine Zahl. Es stand da mal eine Zahl in der Größenordnung von 200.000 im Raum, bei der wir allerdings gesagt haben, dass wir die nicht beschließen können, weil das Populismus wäre. Wir können ja nicht garantieren, dass das 200.000 sind.

Sie wollen sich aber für die politische Tendenz einsetzen, dass es eine negative Zuwanderung gibt, richtig?

Richtig. Wir erleben gerade eine „de facto-Zuwanderung“, die funktioniert allerdings nicht über ein Einwanderungsgesetz, sondern über eine Asyl- und Flüchtlingskrise. Seit es uns gibt, fordern wir ein Einwanderungsgesetz, denn wir wollen Zuwanderung, wir wollen Einwanderung, aber sie muss nach unseren Kriterien stattfinden.

Also nach kanadischem oder australischem Vorbild?

Ja, das wäre unsere Vorstellung. Ansonsten muss man sagen, dass die jetzige Politik eine Katastrophe darstellt, wir brauchen dringend eine Reform des Asylrechts. Deutschland ist der einzige Staat weltweit, der einen individuellen Klageweg eröffnet, sich über Jahre hinweg sich das Asylrecht immer wieder einzuklagen. Das geht dann über vier, fünf Jahre und man schafft sich dadurch ein de facto-Aufenthaltsrecht. Man kriegt diese Menschen in ganz großem Umfang nicht wieder los.

Sollte das also von den Gerichten komplett entkoppelt werden?

Richtig, das muss umgewandelt werden in ein Gnadenrecht, welches der Staat erteilt und bei dem der Staat sagt, „dich nehmen wir“ und „dich nehmen wir nicht“. Das heißt Asyl wird nicht abgeschafft, aber dieses individualisierte Verfahren wird abgeschafft. Kein Land macht das so wie Deutschland, es wäre also ein Angleichen an internationale Levels. Punkt zwei, als 1949 das Grundgesetz entstand, dachte man an einzelne politisch verfolgte Leute, Dissidenten, Schriftsteller, Künstler, UdSSR-Flüchtlinge, denen gewährt man dann Asyl. Es ging niemals darum, Menschen in dieser Größenordnung über das Asylrecht eine de facto-Einwanderung zu erlauben. Punkt drei ist, dass Merkel natürlich gegen das Grundgesetz und gegen einfaches Gesetz verstößt, mit dem was sie tut. Das wissen viele Leute nicht, ist aber so.

Sie sprachen jetzt auch von negativer Zuwanderung, aus Sicht der AfD bräuchte es da auch Abschiebungen nach Afghanistan. Allerdings sind hier viele ohne Pass und das Land Afghanistan weigert sich, diese Personen wieder aufzunehmen. Wie wollen Sie diese Forderung also logistisch bewerkstelligen?

Das ist ein konkretes Beispiel, wo ich sage, dass das auch gegen einfaches Recht verstößt. Es steht in der Ausführungsverordnung für die Grenzbeamten drin, dass niemand ohne Pass nach Deutschland darf. 75% der Leute, die auf diese Art und Weise zu uns kommen, haben keinen Pass und jeder Einzelne, der hier über die Grenze gelassen wird, ist ein Gesetzesverstoß. Um auf Ihre Frage zu kommen, wir können uns tatsächlich vorstellen, auf Länder, die absurderweise ihre eigenen Leute nicht mehr aufnehmen wollen, finanziellen Druck auszuüben. Wir haben das vor zwei Jahren schon gefordert, jetzt fordern das alle anderen Parteien auch.

Wie würde man diesen Druck bei Afghanistan konkret ausüben?

Da fließen irgendwelche Gelder, sei es Entwicklungshilfe oder irgendwelche anderen Projekte, die werden dann eingestellt.

Wenn Sie allerdings mit Entwicklungshilfe diese Staaten sanktionieren, treffen Sie ja vor allem Institutionen wie NGOs und private Hilfsorganisationen, die nichts dafür können, dass der Staat, der im Zweifel nichts mit einer Demokratie zu tun hat, an dieser Stelle versagt. Ist Ihnen bewusst, dass man damit eigentlich die Zivilgesellschaft sanktionieren würde, die mit der Regierung nichts zu tun hat?

An dieser Stelle müsste man mit Augenmaß vorgehen. Wenn es also darum geht, einen Tanklastzug mit Trinkwasserlieferungen in Gebiete zu bringen, wo die Menschen gerade am Verdursten sind, dann kann man nicht dem Tanklastzug den Befehl geben, „du drehst jetzt um“. Da müsste man Sanktionen finden, die weh tun, am besten denen, die oben sitzen. Es muss aber am Ende weh tun, sonst wird es nichts bewirken. Ich muss auch noch sagen, dass ich mir bei den Linken und vor allem bei den Grünen manchmal denke, dass ich auch gern mit dem Finger schnipsen würde und wir haben eine heile Welt, wo es keinen Krieg und keine hungernden Menschen mehr gibt und keiner mehr von zu Hause weg will, weil die wirtschaftliche Not so groß ist. Wir werden das Paradies auf Erden nicht schaffen. Wir können nur schrittweise versuchen, diesem Zustand so nahe wie möglich zu kommen. Ich sehe das auch, dass die Zivilgesellschaft bei solchen Sanktionen leidet, das tut mir auch weh, aber was ist damals über Australien geschimpft worden, als die damals Flüchtlingslager auf irgendwelchen Inseln geschaffen haben…

In Nauru…

…was haben sie geschimpft, ihr seid Unmenschen, inhuman, seit zwei Jahren ist kein Flüchtling mehr auf dem Weg nach Australien ertrunken. Da darf man sich schon die Frage stellen, was ist humaner.

Sie betonten gerade, dass auf dem Weg nach Australien niemand mehr umkommt. Jetzt ist es ja so, dass es einen Weg, bei dem man beispielsweise Syrern mit hohen Schutzquoten einen legalen Zugang nach Europa gewährt, derzeit nicht gibt. Es gibt also keine Stationen in der Nähe der Bürgerkriegsgebiete, die dann direkt über mögliche Asylchancen entscheiden. Halten Sie den Weg, dass man legale Migration verwendet, um die Leute vor dem Ertrinken im Mittelmeer oder in der Ägais zu bewahren, für richtig?

Unser Vorschlag seit einem Jahr ist, genau das zu tun, sprich Erstentscheidungszentren in diesen Ländern aufzubauen. Die Menschen, die Aussicht auf Asyl haben, könnte man sicherlich zu großen Teilen nach Deutschland bringen. Wenn man es dann unter Umständen wie Australien noch schafft, mit anderen Ländern Verträge abzuschließen, wo sich die Geflüchteten von Sitten und Gebräuche, Klima oder Sprache eher zu Hause fühlen und dann zwar sagt, nein, ihr kommt nicht nach Deutschland, aber ihr seid sicher, das wäre gut. Entwicklungshilfeminister Müller hat gesagt, dass man für jeden Euro, den man hier ausgibt für einen Flüchtling, kann man in den Herkunftsländern im Durchschnitt das 30-fache erzielen. Eine andere Untersuchung kommt sogar auf das 125-fache. Das heißt, dass ich mit den gewaltigen Geldmengen, die wir hierzulande bewegen, 30, 40, 50 Milliarden Euro, genau weiß das niemand, könnte man in Afrika unglaubliches bewirken. Wenn man das mal langfristig denkt, sollten wir weiterhin Menschen wie im derzeitigen Maße aufnehmen, dann wird unsere Hilfsfähigkeit irgendwann auf null zurückgehen. Bedeutet, dass auch die Herkunftsländer der Flüchtlinge ein Interesse daran haben müssen, Europa gesellschaftlich nicht zu destabilisieren.

 

Hier geht es zu Teil 2.

Das Interview führten Frank Reimann, 9e, Patrick Domke und Veit Küfner, beide Q11.

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