„Diese Illusion habe ich irgendwann verloren.“

In einem Flur nahe des Plenarsaales des Bayerischen Landtages haben wir Markus Plenk getroffen. Der heute parteilose ehemalige Fraktionsvorsitzende der AfD sprach mit uns über seine Tätigkeit als Landwirt, seinen Entschluss in die AfD einzutreten, seine Gründe für den Austritt, den Umwelt- und Artenschutz und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Dieses ganze Interview erscheint hier jetzt als Ergänzung zur Printausgabe 1/2020, in der es auszugsweise eingebunden ist.


Titelbild: Sebastian Bauer

Markus Plenk betreibt in Ruhpolding einen Bio-Bauernhof, ist seit 2017 Mitglied der AfD und seit 2018 Mitglied des Bayerischen Landtages und einer der beiden Fraktionsvorsitzenden der AfD gewesen, bis er Partei und Fraktion im April 2019 zu verlassen angekündigt hat. Er hat die AfD als eine „im Kern fremdenfeindliche und extremistische Partei“ bezeichnet. Bevor er den Hof von seinen Eltern übernommen hat, war er in vielen Ländern, darunter den USA als Unternehmensberater tätig gewesen. Vor seiner Mitgliedschaft in der AfD war Plenk Mitglied der Bayernpartei.


Sidekick: Sie sind Bio-Landwirt und Unternehmensberater. Wie passt das zusammen?

Plenk: Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich bin auf dem Hof, den ich in Ruhpolding betreibe, aufgewachsen. Den habe ich vor zwölf Jahren von meinen Eltern übernommen und bewirtschafte ihn seitdem als Ökobetrieb. Mein Vater war erst 22, als ich geboren wurde, daher musste ich mir überlegen, was ich beruflich mache. Außerdem ist es auch schwierig, gerade im Bergland, von so einem Betrieb den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ich habe mich dann zunächst auf das Thema Bankenwesen spezialisiert, habe da eine Ausbildung gemacht. Danach habe ich BWL mit dem Schwerpunkt Banken und Finanzierung studiert, auch ein paar Jahre in Großbritannien. Nachdem ich ein paar Jahre bei SAP mit diesem Schwerpunkt gearbeitet habe, habe ich mich als Unternehmensberater selbstständig gemacht und war mehr als zehn Jahre im Ausland tätig. Im Schwerpunkt USA, aber auch weltweit. Wenn man dann irgendwann an den Punkt kommt, wo man eine Familie gründen will, wo man sich Kinder wünscht, dann überlegt man sich schon, welches Umfeld ideal für Kinder ist. Das hat dann auch zeitlich mit der Hofübernahme gepasst und ich bin froh, dass ich das so in Einklang bringen konnte. Die landwirtschaftliche Tätigkeit erdet mich auch, da ich das auch überwiegend selber mache. Das ist nicht so, wie sich das vielleicht manche vorstellen, dass ich da jede Menge outsource und andere Leute machen lasse. Ich stehe wirklich mit Gummistiefeln im Scheißdreck. (lacht) Das ist, glaube ich, auch gerade, wenn man sich politisch engagiert, sehr wichtig, dass man sich nicht von der Gesellschaft entfremdet und gar nicht mehr weiß, wo den Leuten der Schuh drückt.

Haben Sie jetzt dann überhaupt noch Zeit für den Hof?

Es ist schon eine Herausforderung. Ich habe das Glück, dass ich eine Frau habe, der das auch Spaß macht, obwohl sie aus München kommt und ja eigentlich eine Städterin ist. (lacht) Sie kümmert sich schon um viele Sachen und schaut, dass nichts schief läuft, während ich weg bin. Die Kinder sind erst 7 und 9 und können da noch nicht so viel Einfluss nehmen.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Das werde ich sehr oft gefragt. Eigentlich war das nicht mein Ziel. Gerade auch als Unternehmensberater hat da die Zeit gefehlt. Nachdem ich den Hof übernommen hatte, habe ich das Ziel verfolgt, ihn auf gesunde Füße zu stellen und zukunftssicher zu machen. Der Hof ist fast 800 Jahre alt und da sind viele Dinge, die vermutlich in Zukunft niemand mehr so mitmacht. Auch sehr viel Handarbeit. Ich habe dann einen Bauantrag für einen Stallneubau gestellt und musste sehr viele negative Erfahrungen machen, was Bürokratie angeht, was Baurecht angeht und was politischen Klüngel angeht. Eigentlich habe ich einen Rechtsanspruch auf Baugenehmigung. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, einen Rechtsanspruch. Dieser wurde mir jahrelang mit rechtswidrigen Mitteln verwehrt. Diese Rechtsbrüche, mit denen ich konfrontiert wurde, haben mich dazu bewogen, politisch aktiv zu werden. Das ist doch der Grundpfeiler unserer Demokratie, dass der Rechtsstaat auch in der Verwaltung beachtet wird. Wenn das nicht durchgängig der Fall ist, geht es um mehr als Gerechtigkeit für den Einzelnen, da geht es um das Grundprinzip unseres Gemeinwesens. Jetzt kann man natürlich fragen, warum sind Sie dann ausgerechnet in die AfD eingetreten, der man ja auch zu Recht vorwirft nicht unbedingt unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verfolgen, zumindest nicht alle. Da gibt es gewisse Strömungen, die man als radikal und extremistisch bezeichnen kann. Da habe ich mit der Zeit immer mehr kennen gelernt, gerade auch hier im Landtag. Das war dann auch der Grund, warum ich die Partei und die Fraktion verlassen habe. Für so etwas setze ich mich nicht ein.

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„Ich finde ein Bundeskanzler sollte nur maximal zwei Amtsperioden im Amt bleiben dürfen.“ Foto: Sebastian Bauer

Bevor Sie in der AfD waren, waren Sie aber noch in der Bayernpartei. Warum haben Sie Ihre Erfahrungen zu dieser Partei gebracht?

Ihr habt gut recherchiert. Es ist so, dass ein guter Bekannter von mir in der Bayernpartei engagiert ist. Der hat mich irgendwann gefragt, ob ich Mitglied werden wolle. Bei uns sind die kommunalpolitisch auch ziemlich engagiert. Viele denken ja, die Bayernpartei ist eine rechte Partei, was nicht stimmt. Die sind schon konservativ-patriotisch, aber nicht rechts. Ich war aber auch nur passives Mitglied und habe sie finanziell ein bisschen unterstützt. Bei uns in der Region ist das auch eher eine Sache der Traditionen. Die sind stark verbunden mit den Trachtenvereinen und dem Bayernbund, wo auch viele von der CSU sind. Die Partei ist auch im Kreistag vertreten und hat bei uns den amtierenden CSU-Landrat auch nominiert. Das ist insgesamt CSU-Linie, aber eher links der CSU.

Warum würden Sie sagen eher links? Die Partei fordert zum Beispiel die Unabhängigkeit Bayerns.

Also Seperatisten würde ich nicht grundsätzlich als rechts einordnen. Aber ich sage mal, das ist von manchen eher so ein Traum, ich denke nicht, dass das die Mehrheit der Mitglieder befürworten würde. Sie setzen sich natürlich für Föderalismus ein. Warum ich sie links der CSU einordnen würde, liegt in der Tradtion. Sie waren mal an der Viererkoalition in Bayern beteiligt, an der auch die SPD beteiligt war.

Sie sind dann 2017 in die AfD eingetreten. Was war da Ihr Eindruck von der Partei?

Ich habe Ende 2015 einen Mitgliedsantrag gestellt, das hat über ein Jahr gedauert. Es gab auch eine Wartezeit wegen meiner Mitgliedschaft in der Bayernpartei. Ich habe 2017 zunächst einen positiven Eindruck gehabt. Auf den Veranstaltungen waren überwiegend vernünftige Leute und ich dachte, dass das auch nicht anders ist, als in einer anderen Partei.

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„Ich musste sehr viele negative Erfahrungen machen, was politischen Klüngel angeht.“ Foto: Sebastian Bauer

Auch nicht extremer?

Von meiner Wahrnehmung zunächst auch nicht viel anders als in der CSU. Im Laufe der Zeit wird man dann schon eines Besseren belehrt. Ich wurde zum Bezirksvorsitzenden eines sehr zerstrittenen Bezirksverbandes und wollte die verschiedenen Strömungen versöhnen. Da ging es aber weniger um rechts oder links, sondern die waren persönlich einfach zerstritten. Das ist eigentlich auch gelungen. Nachdem ich in den Landtag gewählt wurde, war schnell klar, dass die Radikalen in der Fraktion die Mehrheit haben. Ich habe versucht, einiges in eine andere Richtung zu lenken, damit auch die Vernünftigen Einfluss haben und eine anständige Sacharbeit möglich ist. Darum sollte es ja auch eigentlich gehen und nicht um verrückte Ideologien. Das ist aber nicht bei jedem durchgedrungen, wie ihr sicher wisst. Ein Merkmal von Extremisten ist, dass sie oftmals den grundsätzlichen Anstand vermissen lassen. Damit erreicht man auf Dauer natürlich nichts. Wenn jemand auf einer Gedenkveranstaltung für einen Eklat sorgt, ist das absolut daneben. Auch wenn das schon jedem nahe geht, hat mir das nicht gefallen, wenn man so pauschal verurteilt wird. Man muss das dann aber schon auch vertragen. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Wenn man in der Fraktion Neo-Nazis als Mitarbeter anstellt, wenn man am laufenden Band Fake-News und Lügen verbreitet, hat das mit dem, wofür ich angetreten bin, nichts mehr zu tun und im Übrigen auch nicht mit dem AfD-Slogan „Mut zur Wahrheit“. Und dann gab es ja auch noch so Vorfälle wie, dass jemand bei einem Totengedenken sitzen bleibt, absolut inakzeptabel. Das war aber schon nach meinem Austritt. Diejenigen in der AfD, die mich kritisiert und beschimpft haben, müssten, wenn sie zu sich selbst ehrlich wären, feststellen, dass nach meinem Austritt nichts besser geworden ist, sondern nur schlimmer. Dann war überhaupt keiner mehr da, der dagegen gehalten hat. Aktuell in der Fraktion ist ja von den sogenannten Gemäßigten auch nicht mehr viel zu spüren. Die haben sich arrangiert, sind teilweise aus Opportunismus oder Feigheit nicht mehr bereit, dagegen zu halten. Wer das jahrelang mitmacht, den stufe ich auch als Extremisten ein. Ein echter liberaler oder gemäßigter Politiker macht so etwas nicht mit.

Was glauben Sie, wie viele Gemäßigte es in der AfD in relevanten Positionen noch gibt, die mit der Entwicklung der Partei hadern?

Die Gemäßigten sind definitiv auf dem Rückzug. Viele haben sich in die Passivität zurückgezogen oder verlassen die Partei. Ich habe auch aus der AfD heraus viel positives Feedback bekommen. Es sind auch einige dann ausgetreten. Die Gemäßigten werden weniger. Diese Entwicklung ist schon seit Jahren feststellbar. In der AfD Bayern hatte ich schon den Eindruck, als ich Bezirksvorsitzender war, dass die Vernünftigen in der Mehrheit sind. Damals hätte ich gesagt, dass zwei Drittel liberal-konservativ und ein Drittel Flügel-Anhänger sind. Dieses Verhältnis dürfte sich mittlerweile verschoben haben. Es ist auch so, wenn man so eine Organisation verlässt, muss man leider feststellen, dass möglicherweise meine Feststellung von vor zwei Jahren nicht ganz korrekt war. Wenn ich in der SPD oder der CSU oder bei den Freien Wählern gewesen wäre und gesagt hätte, mir passt es da nicht mehr, ich trete aus, egal ob als Landtagsabgeordneter oder Fraktionsvorsitzender, da hätten ein paar gesagt, du bist ein Depp, aber dann wäre es gut gewesen. Wenn aber dann Leute bei der AfD einen aufs Übelste beschimpfen, als Volksverräter bezeichnen, dann geht das natürlich in Richtung Extremismus. Das halte ich für gefährlich.

Bereuen Sie es, in die AfD eingetreten zu sein?

Nein, das nicht. Ich bereue weder meinen Eintritt, man lernt ja nicht nur unangenehme Menschen kennen, sondern auch gute und angenehme Leute, mit denen ich auch noch in Kontakt stehe, noch bereue ich meinen Austritt.

Was war Ihre Hoffnung, was Ihr Motiv, als Sie zu Beginn in die AfD eingetreten sind?

 

Zunächst mal Bürokratieabbau, wie ich es ja schon erwähnt habe. Den Erhalt unserer

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„Viele denken ja, die Bayernpartei ist eine rechte Partei, was nicht stimmt.“ Foto: Sebastian Bauer

bäuerlichen Landwirtschaft, also wirkliche Fachthemen. Aber es war natürlich schon auch die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ein ausschlaggebender Punkt. Nicht, weil ich, wie manche Extremisten, irgendwas gegen diese Leute hätte, sondern weil ich das für sehr ineffizient halte, was da stattgefunden hat. Man hat zunächst mal viel zu spät reagiert. Diese ganze Misere war einige Jahre im Voraus absehbar. Man hätte das Geld, das man jetzt benötigt, um die Leute hier zu versorgen und in die Gesellschaft zu integrieren, besser vor Ort investieren sollen. Das wäre auch jetzt sinnvoll, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, dass man in diesen Herkunftsländern zu besseren Lebensbedingungen beiträgt. Die kommen hier her, weil sie die Hoffnung haben, dass es ihnen hier besser geht. Was auch noch dazukommt, ist, dass die Ärmsten der Armen es ja gar nicht hier her schaffen. Die werden vergessen, denen hilft am Ende keiner. Aber das Problem ist natürlich, wenn man es nüchtern und sachlich betrachtet, dass, wenn man sagt, dass man jetzt so und so viele Millarden aufwendet, um den Menschen zu helfen, das Geld auch möglichst effizient eingesetzt werden sollte, damit man mit einem bestimmten Betrag möglichst vielen Leuten helfen kann. Das ist mein Kritikpunkt an dieser Politik. Hier ist das Problem, wenn man sich in der AfD engagiert, wo es auch einfach Rassisten gibt, die grundsätzlich alles Fremde ablehnen, denen diese Leute auch egal sind, dann wird man schnell in einen Topf geworfen. Ich denke, die Position, die ich vertrete, findet man auch in allen anderen Parteien. Es gibt auch Kollegen bei den Grünen, die das mehr oder weniger genauso sehen.

Aber das es in der AfD besonders viele Leute gibt, die gezielt gegen Flüchtlinge Stimmung gemacht haben und rassistisch sind, das war doch schon 2017 bekannt und damit wurde auch Wahlkampf gemacht. Warum haben Sie es nicht erwartet, dass das so in der Partei verankert ist? Es war doch absehbar, dass es solche Leute zahlreich in der AfD gibt.

So naiv war ich natürlich nicht, dass ich davon ausgegangen wäre, die sind alle normal. Aber ich bin davon ausgegangen, dass die Partei sich in einem Zustand befindet, wo man sich von diesen Leuten auch loslösen könnte. Diese Illusion habe ich irgendwann verloren. Es liegt dann zum Teil auch an dem Parteiengesetz, dass es nicht so einfach ist, Leute auszuschließen. Wenn das ein paar Einzelne sind, kriegt man das noch hin, dann kann man auch jahrelang Prozesse führen. Aber wenn das Hunderte sind, ist das irgendwann aussichtslos. Jetzt ist es soweit gekippt, man braucht sich ja bloß den Landesvorstand anschauen, dann weiß man, die werden keine Parteiausschlussverfahren gegen ihresgleichen anstreben. Die haben jetzt in den Parteifunktionen die Macht übernommen. Ich denke, die werden jetzt auch nach den Landtagswahlen im Osten immer mehr Oberwasser haben und noch hemmungsloser ihr Gesicht zeigen und Ansprüche stellen. Das ist aus meiner Sicht unumkehrbar. Heute würde ich nicht mehr auf die Idee kommen, mich in der AfD zu engagieren.

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„Ich stehe wirklich mit Gummistiefeln im Scheißdreck.“ Foto: Sebastian Bauer

Kommen wir zur Debattenkultur in Deutschland. Geht Ihrer Meinung nach die Meinungsfreiheit in Deutschland weit genug, um viele verschiedene Meinungen zuzulassen?

Davon gehe ich aus. (lacht) Ich äußere auch ganz normal meine Meinung. Es ist so, es gibt eine gewisse Inakzeptanz gegenüber extremistischen Ansichten, das ist aber vollkommen in Ordnung. Es ist spannend, es ergab jüngst eine Umfrage, dass 65 Prozent sagen, dass die Meinungsfreiheit nicht mehr so vorhanden ist, wie wir das mal gewohnt waren. Ich finde das spannend, wenn man das mal auf Thüringen bezieht, da ist der Anteil vielleicht sogar noch höher, wenn man dieser Meinung ist und dann extremistische Parteien wählt, zum einen die Linken, zum anderen die AfD, dann passt das nicht zusammen. Das sind beides Parteien, wo der Mainstream der Partei nicht mal innerhalb abweichende Meinungen akzeptiert. Im Endeffekt gibt es halt irgendwo rote Linien. Wenn jemand den Holocaust leugnet, dann ist es einfach absurd. Da kann ich nicht sagen, dass ist eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Das ist einfach dumm und geht Richtung extremistischer Hetze. Da sind einfach Grenzen. Ein Problem ist schon, dass wenn eine Bundesregierung so lange im Amt ist, Demokratie lebt ja auch von wechselnden Mehrheiten, dann richtet sich auch die ganze Verwaltung irgendwann so ein. Dann ist zwar nicht die Meinungsfreiheit eingeschränkt, es ist nur nicht unbedingt vorteilhaft. Ich finde ein Bundeskanzler sollte nur maximal zwei Amtsperioden im Amt bleiben dürfen. Ich persönlich hatte im Beruf das Glück, dass wir immer ein Team hatten, welches von Meinungsvielfalt und unterschiedlichen Ideen gelebt hat. Insofern teile ich auch die Aussage der Grünen, dass eine bunte Gesellschaft erstrebenswert ist, im Sinne von Meinungsvielfalt, einfach unterschiedliche Typen. Es ist wie beim Sport. Wenn ein Fußballteam elf Stürmer hätte, würde es verlieren. Man braucht schon unterschiedliche Charaktere, Fähigkeiten und Erfahrungen.

Wie hat die AfD Ihrer Meinung nach die Debattenkultur in Deutschland verändert?

Grundsätzlich kann man sagen, der Ton ist rauer geworden. Es ist viel agressiver geworden und es wird mehr gehetzt, vor allem im Netz. Da hat sich schon vieles verschlechtert. Das einzige Positive daran ist vielleicht, dass wieder mehr Menschen über Politik nachdenken, das sieht man ja auch an der Wahlbeteiligung. Auch bei der Jugend, mit „Fridays For Future“ zum Beispiel, man hat ja gedacht die Jugend sei völlig unpolitisch. Ich denke, durch das Aufkommen der AfD sind viele wachgerüttelt worden.

Wie beurteilen Sie die Reaktion der anderen Parteien auf die AfD, gesehen aus der Perspektive, als Sie noch Mitglied waren?

Es war natürlich schon für jemanden wie mich, der sich als liberal sieht, teilweise bitter, wenn man ausgegrenzt und verachtet wird.

Halten Sie dieses Ausgrenzen für falsch? Sie haben ja selbst gesagt, dort gibt es viele Extremisten.

Es ist eine Gratwanderung. Einerseits ist Ausgrenzung richtig. Man kann ja nicht tolerant gegenüber Intoleranten sein und Extremisten gesellschaftsfähig machen. Andererseits ist es so, sehr viele in der AfD, die innerhalb des demokratischen Spektrums zu finden sind, solidarisieren sich dann mit den Extremisten, weil sie ja auch ausgegrenzt werden. Es ist natürlich schon schwierig für andere politische Gruppierungen zu unterscheiden, mit dem sprechen wir und mit dem anderen nicht. Teilweise wissen die auch gar nicht, wer wie tickt. Ich denke, das beste Mittel gegen Extremismus ist vernünftige Politik für den Bürger. Alles andere führt zu nichts und man muss sich auch überlegen, Extremisten machen am Ende ja am allerwenigsten vernünftige Politik für den Bürger, weil sie einer abstrusen Ideologie folgen. Das muss man immer wieder klarmachen. Dieser Schwachsinn mit Bevölkerungsaustausch und Umvolkung sind einfach Sachen, da muss man klar sagen, das ist Unsinn.

Aber haben Sie sich nicht mit Ihrer Kandidatur genau mit denen solidarisiert?

Solidarisiert auf keinen Fall. Aber es ist natürlich schon so, dass mich die Frage sehr bewegt hat und mir oft zum Vorwurf gemacht worden ist. Zum Teil aber auch zu Recht, ich habe das schon ernst genommen, wenn andere gesagt haben, dass ich damit Rechtsextreme unterstützt habe. Zu der Erkenntnis kommt man ja auch selber, wenn man einigermaßen mit Intelligenz gesegnet ist. Die Rechtsextremen profitieren ja von den Liberal-Konservativen in der Partei und nicht andersherum. Das Problem ist, dass die Liberal-Konservativen das in der Masse nicht erkennen. Auch eine Alice Weidel ist seit Juli jetzt komplett auf diesen Kurs eingeschwenkt, obwohl sie es gar nicht nötig hätte. Extremisten wie Höcke wären ohne die Liberal-Konservativen nichts.

Gibt es in Deutschland Ihrer Meinung nach eine abnehmende Toleranz gegenüber anderen Meinungen?

Das ist schwer zu sagen. Eigentlich glaube ich das nicht. Ich denke, das hängt wirklich damit zusammen, dass wir eine Bundesregierung haben, die schon sehr lange am Ruder ist. Es ist ja auch nicht so, dass Union und SPD immer eine Meinung hätten. Da bildet sich am Ende eben immer ein Kompromiss heraus, und wenn man so ewig auf einer Linie des Kompromisses fährt, dann wird das so normal, dass man andere Meinungen nicht unbedingt ablehnt, aber vielleicht schneller als Gefahr sieht für die eigenen Pöstchen.

Sie hatten mal überlegt, in die CSU einzutreten. Wie hat sich das entwickelt?

Ich habe aktuell noch keinen Mitgliedsantrag gestellt. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass ja die Kommunalwahlen bevorstehen und ich auf jeden Fall den Zeitraum noch abwarten will.

Warum?

Ich komme aus einem Ort, wo der Bürgermeister von der SPD ist. Es gibt einen CSU-Herausforderer, der es schaffen könnte. Wenn es schief geht, möchte ich dafür nicht verantwortlich sein.

Haben Sie Angst, Wähler abzuschrecken?

Nein, das eher nicht. Ich glaube nicht, dass das eine Rolle spielt. Man kennt mich ja in meinem Ort, dort hatte ich eigentlich auch überhaupt keine Probleme wegen meiner Mitgliedschaft bei der AfD. Aber es ist natürlich für jemanden, der mit seiner Kandidatur scheitert, dann einfach, die Schuld auf mich zu schieben.

Warum wollen Sie überhaupt in die CSU eintreten? Zwischen AfD und CSU gibt es doch sehr viele konträre Postionen. Zum Beispiel Umweltschutz oder direkte Demokratie.

Ich sehe mich als Liberal-Konservativer und sollte ich mich in der CSU engagieren, wäre ich auch sicherlich keiner vom rechten Rand.

Sie sind ja Bio-Landwirt. Wie betrachten Sie Klima- und Umweltschutz? Es gibt ja einige in der AfD, die sagen, der Klimawandel ist nicht menschengemacht.

Wir müssen dem Klimawandel auf jeden Fall begegnen. Aber auch hier muss man sich fragen, was ist sinnvoll und effizient. Ich habe mal in Saudi-Arabien gearbeitet. Da fährt man teilweise in klimatisierte Parkdecks, die nach allen Seiten offen sind. Das ist natürlich ein absoluter Wahnsinn. Den größten Effekt würde man in solchen Ländern produzieren, wo nicht annährend Maßnahmen zum Klimaschutz in Sicht sind. Umwelt- und Naturschutz sind natürlich gut, ich bin ja selber Bio-Landwirt aus Überzeugung. Ich mache naturnahe Landwirtschaft, mit Bergwiesen und einer Artenvielfalt, die ihresgleichen sucht. Das ist auch etwas, das mit der AfD wenig zusammenpasst. Es gibt da Leute, die nicht nur den menschengemachten Klimawandel leugnen, sondern die auch den Rückgang der Biodiversität anzweifeln. Das ist schon ziemlich abstrus.

Wie stehen Sie zum Klimapaket der Bundesregierung?

Skeptisch, ehrlich gesagt. Ich glaube, dass da viele Maßnahmen am Ende des Tages wenig verändern werden. Ein Beispiel: Jetzt will man die Nutzung von Ölheizungen verbieten. Das klingt erstmal gut, man will weg von fossilen Brennstoffen. Aber dann wird man in dem Bereich auch nicht mehr entwickeln. Es könnte doch sein, dass wir Bio-Kraftstoffe entwickeln, die klimaneutral sind und mit einer konventionellen Ölheizung genutzt werden können. Die Politik sollte Rahmenbedingungen schaffen und Ziele formulieren. Wie die dann erreicht werden, ist eigentlich zweitrangig. Dafür haben wir ja auch intelligente Ingenieure. Ich halte es für fragwürdig, wenn die Politik Technologien vorgibt.

Wir sind ja von einer Schule. Was würden Sie als Kultusminister verändern?

Mir wäre wichtig, dass man denken lernt in den Schulen. Man braucht natürlich Grundfertigkeiten wie Rechnen, Schreiben oder Lesen. Aber die Kreativität sollte mehr gefördert werden und das Denken, auch das kritische Denken sollte mehr gelehrt werden. Ich würde zum Beispiel auch keine Tablets einführen, da ich da keinen Sinn sehe. Den Umgang mit so etwas lernt man auch so, glaube ich.

Wie sehen Sie Ihre politische Zukunft?

Nachdem Politik ja ein sehr langsames Geschäft ist, würde ich schon gerne politisch aktiv bleiben, möglicherweise auch wieder antreten. Ich will auf jeden Fall ideologiefreie Sachpolitik machen, Bürokratieabbau, bäuerliche Landwirtschaft erhalten, und wenn möglich, die Abgabenlast senken.

Vielen Dank für das Interview!

Interview: Noel Boldin und Sebastian Bauer, beide Q11

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